Die Reise nach Wien > und zurück <
Tag eins
Per fuhr zusammen. Er war eingeschlafen und irgend etwas hatte ihn aufgeschreckt. Er sah aus dem Fenster; der Zug fuhr durch einen kleinen Bahnhof, Neumarkt stand auf dem Schild, welches nach hinten aus seinem Gesichtsfeld verschwand. Das war es gewesen; das Ende der Ausbaustrecke war schon lange hinter ihnen und sie hatten gerade eine Weichenharfe passiert; er schaute auf die Uhr. Noch fünf Stunden bis Wien; er verspürte Hunger. Erst als er aufstehen wollte, merkte er, dass er ja noch die Ohrhörer im Ohr hatte, das Tonband hatte schon wieder Grieg erreicht In der Halle des Bergkönigs. Er schaute sich im Großraumwagen um; nur wenig Plätze waren besetzt; obwohl dieser ICE der einzige durchgehende in dieser Fahrplanperiode war, der bis Wien fuhr, war er leer: Nun ja, es mochte auch daran liegen, dass heute der erste Tag des Jahres war, der erste Januar 1999. Auch der nächste Wagen war fast leer, in dem Mutter-und-Kind-Abteil saß eine kleine Familie und ansonsten waren nur 3 oder 4 Sitze besetzt.. Im Bordrestaurant war Per der einzige Gast, einer der Zugbegleiter holte gerade ein Bier und einen Becher Kaffee für einen Gast in der ersten Klasse. Er bestellte ein Nudelgericht und eine kleine Flasche Deidesheimer Rotwein. Draußen zogen inzwischen die Ränder des Bayerischen Walds vorbei. Ab und zu klatschte Schneeregen in Schauern gegen die großen Scheiben; die Landschaft sah trostlos aus. Irgendwie passte das Wetter zu seiner Stimmung, aber andererseits doch nicht so ganz. Er war auf dem Weg nach Wien, er fuhr nach Wien, ganz allein und wollte dort jemanden besuchen, den er nicht kannte, der ihn nicht kannte. Er fuhr zu einer unbekannten Frau; Bylle aus dem Nerve-Chat.
Die Nudeln waren gut, richtig al dente, wie er es mochte und die Sauce scharf gewürzt, er merkte, dass er richtiggehend Appetit hatte.; und der süffig-herbe Wein passte gut zum Essen. Er ließ sich viel Zeit, er hatte ja genug davon und bestellte sich noch eine weitere Flasche Deidesheimer. Der Zug fuhr gerade über einen Fluss, es musste wohl der Naab sein - oder hieß es die Naab? Nun war es nicht mehr weit bis Regensburg. Hier war vor zwei Jahren der Bibliothekartag gewesen und er hatte sich gewundert, welch großen Einfluß die Thurn und Taxis´s auf die Stadt und ihre Politik hatten; kein Tag verging, an dem nicht das lokale Fernsehen und auch die Lokalpresse voll waren von Berichten über diese Restfamilie und ihre Forderungen an die und Auswirkungen auf die Stadtpolitik. Als ein zutiefst demokratischer und republikanischer Mensch, der er glaubte zu sein, ging ihm jegliches Verständnis dafür ab. Regensburg wurde erreicht; auch von der Bahnseite dräute das Stadtschloß und ließ die Stadt eher beiläufig erscheinen. Auf dem gegenüber liegenden Gleis stand schon der Anschlußzug in Richtung München bereit; es stiegen mehr Passagiere aus, als ein; der ICE leerte sich weiter. In diesem Jahr ging es zur Tagung nach Freiburg in den Breisgau, das würde bestimmt wieder warm und brütend werden....
...An seinen Platz zurückgekehrt, probierte er noch einmal die Audio-Kanäle des Zugs durch.... Kinderhörspiel, der Ton zu den Spielfilmen der Videoanlage, Bayern 3, Klassik-Band - schon wieder mal Mozart; nein, er wählte nun den Pop-Kanal und versuchte gleichzeitig zu lesen: Zwei Frauen von Mulisch; der schrieb gar nicht schlecht und die Geschichte erschien ihm pfiffig, obwohl das Thema gerade Mode auf dem Buchmarkt war; die Liebe zweier Frauen, die an der Umwelt und ihrer Vergangenheit zerbricht. Es las sich gut, das Buch. Nach einem Kapitel konnte er sich nicht mehr konzentrieren; er schaute wieder aus dem Fenster, Straubing und Plattling hatten sie schon hinter sich gelassen; die Bäume links auf der Höhe schimmerten weiß von etwas Schnee, die Dämmerung nahte schon und es sah nach weiterem Schnee aus. Gleich musste die Isar-Brücke erreicht werden.
Warum in dreiteufelsnamen fuhr er eigentlich nach Wien? Was hatte ihn dazu gebracht? Hatte es zu tun mit seiner Unzufriedenheit, die sich in den letzten Monaten ganz kräftig Bahn gebrochen hatte, seinem Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Lebens? Spielten seine Chat-Beziehungen, im wesentlichen gescheitert oder gar nicht richtig entwickelt, eine Rolle bei seinem Verhalten in den letzten Wochen oder bei dem Entschluß, fort zu fahren? Oder war es einfach der Überdruß - und Bylle in Wien hatte sich einfach als Ziel angeboten - der die Reise initiierte? Was es letztlich auch war, Weihnachten in der Familie war jedenfalls fürchterlich gewesen; es war weniger ein Streiten und Zanken, als eine Stille, ein Sich-Nicht-Austauschen, welches sich lähmend über alles und alle gelegt hatte. Gleichzeitig machte er sich auch etwas Sorgen um Bylle, die in ihrem Trümmerhaufen von Baustelle saß; sie hatte ursprünglich an ein größeres Chatter-Treffen in ihrem neuen Haus gedacht, aber - wie zu erwarten war - alle , die zunächst Feuer und Flamme waren, hatten abgesagt. Und eine halbe Einladung von Bylle an ihn stand immer im Raum. Er hatte vorsichtig tastend mal angefragt und sie war sofort darauf eingegangen... an die Diskussionen, Tränen und Auseinandersetzungen mit Brit wollte er gar nicht mehr denken, es war fürchterlich gewesen. Aber schließlich hatte sie ihn morgens um acht Uhr zur Bahn gebracht. > Fortsetzung <
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