Bastu - Sauna

In Schweden heißt die Sauna nicht Sauna, sondern bastu. Erst als ich das Wort geschrieben las, war mir seine Herkunft klar: ba-stu, Badestube. Man sagt ja in Skandinavien auch nicht „saunieren“ oder „in die Sauna gehen“, wie bei uns, sondern „Sauna baden“. Natürlich war es in Schweden, dass ich das erste Mal „Sauna badete“. Es war in den frühesten siebziger Jahren. Die deutsche Boulevard-Presse pries (oder verurteilte?) Schweden als ein Land, in dem Freizügigkeit - nicht unbedingt politisch gemeint - herrschte. Blonde, angeblich schwedische junge Frauen und Männer füllten die yellow press. Selbstverständlich wurde nicht alles geglaubt, aber einiges blieb halt so so hängen ...

Mein allererster Besuch in Schweden, der über das Hin- und Herfahren mit der Fähre und dem „Essen“ am Smørgasboard hinausging, führte mich zu Verwandten meiner damaligen Freundin; dort verbrachten wir vier oder fünf Tage; und dem Besuch aus Deutschland sollte natürlich auch etwas geboten werden. Zu den Höhepunkten gehörte neben einem Besuch der örtlichen Scheunen-Disco auch ein Gang in die öffentliche Sauna - nein bastu - der nahe gelegenen Stadt Falkenberg. Sehr behaglich war mir nicht dabei; aber ich fand partout keinen Grund, kein Argument, diesen Kelch an mir vorübergehen zu lassen; außerdem war ja meine Freundin dabei ... dachte ich zumindest.

Aber nichts da: Fein nach Männlein und Weiblein getrennt ging alles vonstatten. Hilfe erheischend schickte ich einen flehenden Blick Richtung Tür, hinter der Margrit verschwunden war und folgte dann Folke in die Männer-Sauna ... eine Ausgabestelle für Seife und Handtücher war dem Umkleidetrakt vorgelagert. Umkleidetrakt? Wohl doch eher Auskleidetrakt oder? Allerdings - während Folke und ich uns auszogen, streiften sich zwei junge Männer Badehosen über; äußerst merkwürdig ... die eigentliche Sauna fasste wohl zwanzig oder fünfundzwanzig Personen; sechs hockten schon auf den drei übereinander angebrachten Bänken. Das Thermometer zeigte etwa achtzig Grad. Folke setzte sich zu einem etwas schmerbauchigen, aber hellblonden älteren Herrn auf die unterste Bank, ich verzog mich nach oben. Die großen weißen Handtücher wurden offensichtlich mehr dazu benötigt, etwaige Blößen zu bedecken, als als Unterlage zu dienen ... Nach dem ersten Saunagang ging es zu den Tauchbecken; und nun erklärte sich das Überstreifen der Badehosen: es gab neben anderen auch ein großes, den Damentrakt mit dem Herrentrakt verbindendes Becken, mit Schwimmtiefe; und hier konnte man dann dem anderen Geschlecht, genügend züchtig bekleidet, begegnen... 

... im nächsten Jahr war alles schon ganz anders: Eine zoologische Exkursion hatte den See Erken bei Uppsala als Ziel; und wie es so üblich ist in Schweden, gehörte auch zu diesem limnologischen Institut ein Ansammlung von Schlafhäusern, ähnlich einer Jugendherberge und natürlich eine Sauna am See, an einer Bucht, geöffnet gen Sonnenuntergang. Die ersten Abende schlichen wir um die Sauna herum; sie war offensichtlich permanent beheizt, der Thermostat zeigte konstant 85 Grad. An der Außentür angeschlagen war der „bastuplan“: An ungeraden Tagen achtzehn bis zwanzig Uhr „kvinnor“ und zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr „man“; und an geraden Tagen umgekehrt. Nun, wir waren eine „gemischte“ Gruppe und sahen das alles irgendwie nicht ein. Und zu ihrem Entsetzen fanden die wenigen Schweden am dritten Abend über den gesamten Zeitraum hinweg junge Frauen und Männer zugleich in der Sauna ... und nach den Saunagängen und dem Abkühlen im See saßen diese dann auch noch auf der Bank vor der Sauna und auf dem Geländer der Terasse - unbekleidet - ... der Chef des Instituts wurde am anderen Tag durchaus recht unwillig - zog sich allerdings dann für den Rest unser Anwesenheit in sein Institut nach Uppsala zurück. ...

... noch in demselben Jahr führte eine weitere Exkursion einige von uns nach Finnland; an den Bottnischen Meerbusen in die Nähe von Turku; das Institut war nagelneu, roch noch nach Farbe, verfügte selbstverständlich ebenfalls über eine Sauna - ohne Saunaplan (!) - es bedarf hier auch keines Plans mit Zeitzuteilungen, denn statt dessen haben die Finnen ein gutes Sprichwort, quasi eine zwingende verinnerlichte Saunaregel: Tu´ in der Sauna nichts, was Du besser und angenehmer woanders erledigen kannst!

Und so allmählich begann das „Sauna baden“ mir Spass zu machen... ach ja ein Umstand sollte noch Erwähnung finden: zum Erhitzen in der Sauna gehört natürlich auch das schreckhafte Abkühlen, idealerweise in einem freien Gewässer. Das hatten wir hier auch, nämlich die Ostsee; In den Wochen vor unserer Ankunft hatte der Wind stetig aus Westen geweht, und es war ein sehr gutes Jahr für Ohrenquallen ... genau, der abkühlende Sprung hatte nebenher auch etwas gelatineartiges an sich ...

... als ich dann eines Jahres begann sesshaft zu werden, war es folgerichtig, dass eine Sauna eingebaut wurde; nichts gewaltiges, gerade so groß, dass vier Personen darin Platz finden, wenn es sein muss. Zum Glück muss es sehr selten sein, entsprechend kann ich behaupten, es ist meine Sauna; und zweimal in der Woche ziehe ich mich hierhin zurück. In erster Linie ist es nicht die vorbeugende Gesundheitspflege, die mich dazu bringt, sondern etwas anderes: Nirgendwo fließen Gedanken so übersprudelnd, teils in Strängen, teils über die Stränge schlagend, wie hier in meiner Kellersauna bei fünfundneunzig Grad. Formulierungen, an denen ich sonst tagelang herum kaue, sprudeln hier nur so - leider nicht direkt aus der Feder -; komplette Vorträge für eine Stunde sind in der Sauna entstanden, und ließen mich nach dem Saunagang das vorher mühevoll zusammengestoppelte Manuskript zerreißen. 

Mit wenigen Ausnahmen gilt: Nur in der Sauna - allein in der Sauna - komme ich innerlich ab und an zur Ruhe und in eine Art Gleichmaß; ich weiß allerdings nicht genau, was ursächlich diese Wirkung zeigt: ist es die hohe Temperatur, die totale Isolierung von der Welt, der kleine rechteckige Raum? Oder ist es die Synthese aus allem? Es ist letztlich ja auch egal. Ich bin jedenfalls Sauna-süchtig! 

 

© leabhar 02.2000

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