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... werkstatt IV - 1 ... |
Estrid Pilar Vanadis 1 |
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eins
Die Hecke musste mal wieder geschnitten werden; das war das erste, was ich sah, als ich um die Ecke bog. Ich ließ den Wagen am Wegrand ausrollen und stieg aus. Die Einfahrt war verschlossen und für das große Tor hatte ich keinen Schlüssel dabei. Die Pforte war nur angelehnt, der Briefkasten auf der Innenseite des gemauerten Pfeilers quoll über von Werbezeitungen und Postwurfsendungen; was sollte es auch anderes sein. Der Platz neben dem Klingelknopf, der den Namen aufnehmen soll, war leer. Ich schob die Pforte auf, leise quietschte sie. Der Einfahrtsweg setzte sich in einem leichten Rechtsbogen fort und endete vor einem breiten Garagentor im Tiefgeschoss am rechten Ende des Hauses. Ich ging den Fußweg entlang, der an die linke Giebelseite des Hauses, und auch an der Haustür vorbei nach hinten auf die Terrasse führte. Langgestreckt war das Haus, ein typischer frisch getünchter weißer, grob verputzter Bungalowbau, nur waren die Giebelseiten nicht abgewalmt. Zur Straße hin zeigte es sich einstöckig mit einem zum Teil aus dem Erdreich herausgearbeitetem Kellergeschoss; von der anderen Seite war die zweigeschossige Anlage zu sehen. Die große Terrasse öffnete sich nach Nordwesten; ging man zum äußersten Rand der Pflasterung, blickte man über das leicht abfallende Grundstück hinweg auf die Stadt hinunter. Am jenseitigen Ende der Terrasse ging die Pflasterung in einen Pool über; den ehemals blau beschichteten Beckenbogen bedeckten schwarz-faulende Erlenblätter und Kiefernnadeln. Ich sollte wirklich einen Gartenteich daraus machen. Ein Pool im Garten ist doch sehr lästig, vor allem, wenn hohe laubtragende Bäume im Garten stehen; außerdem befand sich im Inneren des eingeschossigen Anbaus ein überdachter Swimmingpool, direkt vor dem Sauna- und Fitnessbereich. Der Wintergarten im Winkel zwischen Anbau und Haupthaus war nicht beschädigt, es lagen zwar überall Äste von letzten Sturm herum, aber die Scheiben sahen alle noch heil aus. Auf dem Weg zurück zur Haustür schaute ich in das Wohnzimmer; alles sah offensichtlich noch so aus, wie ich es vor einer Woche verlassen hatte. Die stand-by-Lampen der B&O-Anlage leuchteten noch; da muss ich aber das nächste Mal dran denken.
Wie immer, wenn ich in dieses Haus kam - und ich kam oft hierhin - musste ich mich bewundernd einmal um meine Achse drehen. Geschmack hatte sie immer gezeigt; auch darin war sie allen anderen weit überlegen. Jetzt war es mein Haus; nicht mein Eigentum, aber ich habe erst gerade einen sehr günstigen Erneuerungsvertrag, langjährig, abgeschlossen. Sogar eine Kaufoption unter Teil-Anerkennung gezahlter Miete habe ich ausgehandelt. Ich stieg auf die Galerie, schenkte mir einen Highland Park ein und setzte mich in den vorderen Sessel. Das war mein Sessel, in diesem habe ich immer gesessen, wenn ich hier war, wenn wir beide hier waren. Mit der Fernbedienung setzte ich den CD-Spieler in Gang: Sibelius, König Christian; etwas zu beschwingt, aber ich beließ es dabei. Ich erinnerte mich noch an unser letztes Gespräch hier oben, es war an meinem Geburtstag - nach ihrem Unfall - wir sprachen über ihre weiteren Pläne, ob sie nun nach Amsterdam gehen sollte und Europol mit aufbauen sollte oder doch hier bleiben sollte. Sie hatte so auf die Operation gehofft, wollte eigentlich keine Entscheidung vorher treffen, sondern nach rein sachlichen Gesichtspunkten entscheiden. Wir hatten damals auch diesen Whisky getrunken - war unser beider Lieblingswhisky, seit sie vor Jahren aus Schottland zurück gekommen war - und uns stundenlang unterhalten, obwohl es sie unheimlich anstrengte. Schräg gegenüber hatte sie mir gesessen und beim Sprechen nach unten in den Garten geschaut. Wir hatten Pläne gemacht über einen gemeinsamen Urlaub auf den Kanalinseln ohne sonstige Familie. Tränen traten mir ins Auge; schnell trank ich den Whisky aus, kontrollierte die Zimmer hier oben und ging wieder nach unten; nicht ohne einen Blick auf ihre Instrumente geworfen zu haben: ein Tenor-Saxophon, ein Alt-Saxophon, die beiden Querflöten, ihre Blockflötensammlung und die dagegen billig aussehenden tin-whistles. Wie toll hat sie diese Instrumente beherrscht; in meinem Kopf klangen nebeneinander her ein Stück einer Jam-Session und ein eindringliches irisches Lied... Ich verschloß die Haustür von innen, schaltete die Stereoanlage aus, und ging nach unten in die Garage; hier stand ihr neuer Wagen, sie hatte sie ihn noch nicht allzu oft gefahren, und ihre letzte Fahrt war auch schon wieder Monate her; ein MGF Cabrio war es natürlich, unser gemeinsamer Traumwagen; und - genauso natürlich - in einem typisch britisch dunklen Grün. Ich überlegte nicht lange, verschloss die Tür zur Wohnung mit den drei Bolzenschlössern und öffnete das Garagentor und gleichzeitig per Knopfdruck die Gebäudeeinfahrt. Der Wagen sprang sofort an. Ich stellte ihn vor meinen Audi und fuhr diesen anschließend in die Garage. Verschloß das Garagentor, ließ die Toreinfahrt einschnappen und lehrte den Briefkasten, ehe ich die Pforte von außen in den Fang zog; einen Schlüssel hatte es für diese nie gegeben; passte aber zu ihr, einerseits höchste Sicherheitsvorkehrungen, sogar zwei Kameras am Haus, aber die Eingangstür ließ sich nicht verschließen... Ich schmiss den Papierabfall auf den Beifahrersitz und stieg ein. Die Tür fiel satt ins Schloß. Ich konnte mir bereits schon das Gesicht ausmalen, welches Brit ziehen würde, wenn ich mit dem MG vorfahren würde ... jetzt erstmal in die Stadt runter ..... würde mich erstmal wieder an diese harte Federung und die kurzen Lenkwege gewöhnen müssen. Diese Strecke war ich vor zwei Wochen zum letzten Mal gefahren. Anstatt geradeaus an der Berglehne entlang Richtung Osten bog ich an der nächsten Abzweigung scharf nach links ein; die Straße führte mit ein oder zwei S-Kurven nach unten ins Tal, durchschnitt dann einen Vorort wie eine Sekante und zog sich dann sanft am gegenüberliegen Berg in die Höhe. Bei der nächsten Gabelung hielt ich mich rechts; die bislang vereinzelten Buchen verdichteten sich zum Wald. An dessen anderem Ende öffnete sich der Blick wieder auf die Stadt mit dem romanischen Dom und den vielen anderen Kirchen - auch die kleine evangelische, in der ich vor unendlichen Zeiten getauft worden bin, konnte ich von hier oben erkennen -, aufgehalten nur durch die großen Gebäude, Gewächshäuser und Felder einer Gärtnerei. Ich parkte den Wagen; der Platz war zu Hälfte gefüllt. Die Gärtnerei hatte immer geöffnet, vielleicht sogar auch nachts. Meine Blumen - ich bestellte immer dieselben - waren schon gebunden - gelbe, ins orange spielende Rosen schwach rot gesäumt; es waren ihre Lieblingsblumen, jedenfalls, was Kunstblumen anbelangte; ansonsten mochte sie Vergissmeinnicht, Schlüsselblumen und natürlich Tussilago - den deutschen Namen hatte ich schon wieder vergessen -, Klatschmohn und die Kornblume. Ich überquerte den Parkplatz und die Straße, blickte mich noch einmal um und betrat dann durch das schmiedeeiserne Tor - warum quietschen diese Türen bloß immer - den Waldfriedhof. ... © leabhar |
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