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II
Mensch, wo bleibst du denn? - Immerhin, er war erwartet worden. Er zog den Mantel aus, streifte die Schuhe ab und verstaute beides auf dem viel zu engen Vorflur. Die Tasche stellte er in sein Arbeitszimmer, Portemonnaie und die Schlüssel warf er - wie immer - auf seinen Ohrensessel. Er zog sich um: die alte schwarze Jeans und seinen alten blau-bunten Pullover, inzwischen mit einem gewaltigen Loch am rechten Ellenbogen. Diesen Pullover hatte er bestimmt schon seit fast zwanzig Jahren; Brit quittierte sein Tragen immer mit einem Naserümpfen und Kommentaren , wie: Immer sehen wir Dich in den alten ausgelatschten Klamotten!
Der in der Kaffeemaschine immer noch vor sich hinbrutzelnde Kaffee stank nach Maggi, also musste ein zusätzlicher Löffel Zucker her. Ein Streifen feuchten Streuselkuchens markierte das verspätete Kaffeetrinken. Er scheuchte seine Tochter von seinem Stammplatz auf dem kleinen Sofa und ließ sich zum Kaffeetrinken nieder. Total erschöpft fühlte er sich, obwohl er eigentlich nichts heute geschafft hatte.
Unlustig biss er vom Kuchen ab. Er starrte vor sich hin, bloß nicht jemanden angucken. Brit musterte ihn ab und zu verstohlen, sagte aber auch nichts. Jana ließ sich wieder von einer der Vorabend-Serien berieseln. Er konnte es nicht lassen, einen Kommentar hierzu abzugeben. Unbeeindruckt rührte sie sich nicht in ihrem Sessel, ostentativ lässig hineingefläzt.
Er hatte einfach keine Lust mehr, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen; sie nahmen nichts mehr an - gab es überhaupt etwas von ihm anzunehmen ? - und er mochte sich nicht mehr mit ihren Problemen auseinandersetzen; meistens ertappte er sich dabei, überhaupt gar nicht zuzuhören, wenn sie mal etwas erzählten. Es war keine Absicht, aber es geschah einfach, dass seine Gedanken dann anfingen abzuschweifen. Wenn Brit erzählte, aus der Schule meistens, trat er noch schneller weg; sie konnte aber auch langschweifig erzählen...
... Brit erzählte von der Schulkonferenz. Schon wieder war der Schulleiter den Kollegen in den Rücken gefallen, immer meinte er sich den Eltern anpassen zu müssen: einfach fürchterlich. Jetzt wird doch tatsächlich ein neues Schulfest geplant, obwohl das letzte erst 11 Monate her ist. Dieser Aufwand, der da immer getrieben werden muß; und was da wieder an Unterricht ausfallen wird; denn es muß ja schließlich etwas geboten werden, der Presse und den Eltern. Wirklich, Schulfest und Basketball, das sind die Dreh- und Angelpunkte dieser Schule, die eigentliche Schul-Arbeit bekommt ja auch niemand mit.
Er mußte jetzt ja auch mit etwas aufwarten; er erzählte die letzten Vorkommnisse mit dem Kanzler und Herrn Baum; sie waren zwar schon zwei, beziehungsweise vier Tage her, aber das hörte man den Geschichtchen nicht an. ...
Lesen wollte er heute, den ganzen Abend lang; das Lesen hatte er doch in den letzten Tagen etwas vernachlässigt, aber selbst für Kriminalromane reichte offensichtlich derzeit seine Konzentrationsfähigkeit nicht. Nur Pratchatts Scheibenwelt-Romane fesselten ihn, waren diese aber auch wirklich originell geschrieben und zum Teil sogar ins Deutsche übersetzt besser, als im Original - zumindest, soweit er das beurteilen konnte -.
Aber heute wollte er sich mal wieder dem unlängst begonnenem Schweden-Schinken von der Marianne Fredriksson widmen, Hannas Töchter, durchaus flott geschrieben, aber bislang hatte er den Dreh noch nicht gehabt.
Er holte das Buch, die obligatorische Flasche Mineralwasser und ein Glas; setzte sich halb-schräg in seine Safaecke und begann zügig zu lesen. Brit schrieb an ihrem Klassenbuch und korrigierte dann Hefte, der Junge war schon wieder unterwegs und Jana pusselte und kramte in ihrer Rummelbude von Zimmer herum.
Es fehlten noch zehn oder zwanzig Seiten bis zum Ende des Buches, da kam Jana in den Raum und fragte, ob man fernsehen könne, da sei jetzt die Talkschau - war es Zimmer frei oder B. trifft ? Er wäre fast explodiert, las aber schnell die noch fehlenden Seiten herunter - so ganz übel fand er das Buch doch nicht - und zog sich mit Mineralwasser und Glas ins Arbeitszimmer zurück. Dort stand auch der Rechner.
...
Dykeline - komischer Namen für einen Chatroom; hieß dyke nicht Kanal oder Deich? Er holte den Collins aus dem Regal. Richtig, das waren die korrekten Übersetzungen, aber als Slangbezeichnung heißt es noch Lesbe; da stand tatsächlich Lesbe - eigentlich ja auch ein Slangbegriff.
Also ein Chatraum nur für Lesben - dagegen stand im Untertitel zu diesem Raum nur für Frauen; wie muß das jetzt verstanden werden? Er war neugierig und unterhielt sich gern mit Frauen, loggte sich also ein, als Nick wählte er Slata - Er hatte kürzlich mal wieder den Jugendroman von Martin Held gelesen, und die komische Slata spielte eine merkwürdige Rolle darin - .
Er grüßte höflich und wünschte einen guten Abend, die meisten der ungefähr zwanzig Anwesenden grüßten zurück, allein das ein deutlicher Unterschied zu einigen anderen Chats, die er bisher kennengelernt hatte. Minutenlang las er nur die Beiträge der Frauen; Frauen? Mit Sicherheit waren auch Männer im Chat: da, Hatto und auch beachhase konnten keine Frauen sein; richtig, der Eindruck bestätigte sich schnell. Oder sollten es gar Frauen sein, die hier als Männer auftraten? Unmöglich war das ja nicht. In grauer Schrift - geflüstert - kam eine Frage an Slata: wer bist du? habe dich noch nie hier gesehen? Wie jetzt antworten? Er zuckte zusammen und schämte sich ein wenig, wie ertappt; er blieb dem Namen treu. Er wurde zu Slata. Er erzählte, daß er erst seit wenigen Tagen das Chatten ausprobiere und per Zufall auch von der Dyke gehört habe. Und das es ihm eigentlich recht gut gefalle. Tana, sie hatte ihn angesprochen, fragte weiter: nach Beruf, Alter, Aussehen,......Er antwortete, so dicht wie möglich an der Wahrheit bleibend, nur sein Geschlecht blieb weiblich und seinen derzeitigen Wohnsitz verlegte er ins Ausland, um schon von vorhinein eine genügend große, auch räumliche Distanz aufzubauen. Das Ansuchen nach einem heißen Chat wies er von sich, kein Interesse - außerdem wollte er gern auch den anderen Gesprächsträngen folgen.
Die hauptsächlichen Gespräche rankten sich um verlebte und bevorstehende Urlaubsreisen. Und wie im Nerve das Kochen, Essen und Trinken Anlaß zu Cyberhandlungen geboten hatte, so waren es hier die Urlaubsreisen; er mischte sich in das Gespräch ein. Nach wenigen Wortwechseln kristallisierte sich das Bedürfnis nach einer virtuellen Flugreise in wärmere Gefilde heraus. Man nahm sich ein Flugzeug und schnell ergaben sich Reisegruppen ; er lud schnell Acara zum Flug in seinen Lear-Jet ein, ehe sie Teil einer anderen Gruppe werden konnte. Es sollte nach Süden geflogen werden, und irgendwo sollten sich die Gruppen wieder treffen.
Acara war ihm bereits schon länger aufgefallen; ihre Beiträge hatten Witz und waren dabei originell und meistens grammatisch korrekt formuliert, die Wortauswahl war reicher, als bei den meisten anderen, und es fehlte diese dröhnende aufgesetzte Fröhlichkeit, die Neuankömmlinge als erstes in diesem Chat bemerken. Ihr Nick besaß Musik, und das Bild, welches sie sich ausgesucht hatte, das mit dem ausgeprägtem Kindchenschema, wirkte ebenfalls sehr anziehend, zumal sie heute die einzige mit diesem Pic war.
Der Flug ging los in Richtung Barcelona; zunächst noch in Funkkontakt mit der anderen Maschine. Aber allmählich nahm das Gespräch zwischen Acara und ihm, Slata , einen immer größeren Anteil ein - natürlich in grau - geflüstert -. Sie erzählte in groben Zügen - wie es im Chat halt notwendig ist - von sich und ihrem Leben und er führte seine Geschichte aus - tätig in der Informations- und Bibliotheksbranche, für ein halbes Jahr in GB tätig, sehr gern Urlaub am Meer machend; Jersey sei eine tolle Insel, da sei er gerade gewesen; längere Urlaube in Skandinavien, denn allzuviel Sonne möge er nicht..... ; allmählich wurde er eins mit Slata; es war für ihn natürlich geworden, Slata zu sein. Acara erzählte vom mehrjährigen Spanienaufenthalt, dass sie Biogenetik studiere und sich das Studium selbst verdiene und am liebsten in warmen Ländern Urlaub mache.
Sie plauderten den ganzen Abend, unterbrochen nur durch notwendige Reaktionen auf das parallel laufende offene Gespräch der anderen.
Er war verzaubert... ihm war nicht klar, daß da etwas passierte, irgend etwas nicht zu steuerndes; ein indifferentes aber frohes Gefühl, eine Leichtigkeit ergriff ihn....
Erst nach zwei Uhr nachts meldete sich die Vernunft... aber vor dem Verabschieden - die Flugzeuge hatten sich schon lange aus den Augen verloren - tauschten Sie noch ihre mail-Adressen aus ... und ihre richtigen Namen; er nannte sich, ohne lange zu überlegen und wie von selbst Ricarda , und sie hieß Sabrina. - Sie versprach, ihm bald zu schreiben; er hatte bislang nur selten vorher eine private Mail bekommen.
Ganz benommen verließ er den Chat, schloß Netscape und trennte die Online-Verbindung; er ließ den Rechner runterfahren und schaltete ihn aus. Wirre Gedanken, kaum fassbar, ließen ihn noch lange am Schreibtisch sitzen.
Schließlich ging er ins Badezimmer; um vier Uhr lag er im Bett; gegen sieben Uhr würde der Wecker klingeln.
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1999